„Was ich am meisten liebe, ist die Freiheit“, sagt Tessa, eine junge Frau mit Sehbehinderung, die als Fremdenführerin im
muZIEum arbeitet, einem interaktiven Museum in Nimwegen, Niederlande, in dem Besucher:innen erleben können, wie es ist, sehbehindert zu sein. „Wenn ich in anderen Museen bin, habe ich ständig Angst, auf etwas zu stossen, das ich nicht anfassen darf. Hier kann ich alles erfühlen – denn alles darf berührt werden.“
Und genau das macht muZIEum: Es stellt die Art, Kunst zu erleben, auf den Kopf und schafft eine Umgebung, die nicht nur alle willkommen heisst, sondern in der auch alle dazu eingeladen sind, ein neues Verständnis für Sehbehinderungen zu entwickeln – durch eigenes Erleben. „Wir machen zwei Dinge“, erklärt muZIEum-Direktorin Heleen Vermeulen. „Wir möchten, dass unsere Besucherinnen und Besucher erfahren, wie es ist, mit einer Sehbehinderung zu leben. Und wir bieten auch Arbeitsplätze für Menschen mit Sehbehinderungen an.“ Es war also ein echter Glücksfall, als sie im letzten Jahr von unseren Ausstellungen
World Unseen
hörte. Es war genau zu dem Zeitpunkt, als das Museum sich neu erfand und nach Möglichkeiten suchte, das Erlebnis auf eindrucksvolle Weise neu zu gestalten.
„Wir sind zwei so unterschiedliche Organisationen“, bemerkt sie. „Das Kerngeschäft von Canon ist das Sehen und unser Kerngeschäft ist das Nicht-Sehen. Aber als wir von der Idee hinter
World Unseen hörten, hatten wir das Gefühl, dass wir die Ausstellung mit den Geschichten aller Menschen mit Sehbehinderung verbinden könnten, die in unserem Museum arbeiten. Eine perfekte Kombination.“ Der neue Ausstellungsbereich („Unseen“ als Anspielung auf die vorherige Ausstellung) steht neben zwei Dauerausstellungen im muZIEum („A Day in the Life“ und „On Holiday With…“), und gemeinsam setzen sie neue Massstäbe in Sachen Barrierefreiheit. Beide Ausstellungen finden in völliger Dunkelheit statt: Sehende Besucher betreten eine mit den Augen nicht sichtbare Welt und vertrauen sich ihrem blinden oder sehbehinderten Guide an. Bei ihrem einstündigen Rundgang durch ein unbekanntes Museum erfahren sie, wie sie sich im Raum zurechtfinden und ihre Umgebung erfassen können. „Man besucht eine Welt, in der für das Auge nichts sichtbar ist“, erklärt Heleen.
Die zweite Hälfte ist eine erweiterte Version von World Unseen, in der taktile Reliefdrucke aus dem Projekt State of Blindness des Canon Ambassador Brent Stirton gemeinsam mit Werken der wegweisenden blinden Fotografen Ian Treherne und Evgen Bavcar sowie Arbeiten von Daphne Wageman gezeigt werden, die zu den ersten Künstlerinnen zählt, die die Reliefdrucktechnologie von Canon eingesetzt haben. Die Höhe eines Reliefdrucks in dieser Ausstellung wurde ebenfalls verdoppelt – von zwei auf vier Millimeter –, was zwar nicht nach viel klingt, aber einen enormen Unterschied macht, wie Tessa erklärt. „Vier Millimeter verleihen dem Bild mehr Tiefe.“ Denn bei taktilen Bildern geht es meistens um den Kontrast zwischen Hell und Dunkel, aber natürlich gibt es viele Schattierungen von Hell und Dunkel.
Tim ten Cate von Canon Netherlands ist davon überzeugt, dass die Zusammenarbeit mit dem muZIEum die Technologie entscheidend vorangebracht hat und ergänzt: „Es war deren Idee, auf vier Millimeter zu gehen und das weiterzuentwickeln, was wir bisher mit dem Drucker Arizona und der Software PRISMAelevate XL gemacht haben.“ Für Heleen ist das gemeinsame Gestalten von Erlebnissen zukunftsweisend. „Man sucht gemeinsam nach neuen Wegen, indem man sich gegenseitig zuhört und wirklich versteht. Das bedeutet, man gestaltet ‚mit‘ statt ‚für‘.“
Zu jedem Bild gibt es eine Audiobeschreibung, eine Braillebeschriftung und – für sehende Besucher:innen – eine Brille, die verschiedene Sehbeeinträchtigungen simuliert. Daneben sind weniger offensichtlichere Gestaltungselemente eingebaut, die, wenn sie überall eingeführt würden, das Leben von blinden und sehbehinderten Menschen – nicht nur in Galerien und Museen, sondern auch am Arbeitsplatz und in öffentlichen Räumen – deutlich verbessern könnten. Zum Beispiel verläuft ein taktiler Handlauf mit Brailleschrift und Informationsanzeigen durch das gesamte Gebäude und fungiert als Wegweiser. „Wenn ich in einem gewöhnlichen Museum bin – befürchte ich immer, dass ich etwas verpasse, vielleicht gleich um die nächste Ecke, oder sogar in einem anderen Raum“, erklärt Tessa. „Wenn ich dem taktilen Handlauf folge, weiss ich, dass mir nichts entgeht.“
Bevor Sie die Ausstellung betreten, finden Sie Schliessfächer, die alle mit Nummern in Brailleschrift versehen sind, und im Café verfügt jeder Tisch über eine kleine Aussparung für Blindenstöcke. Das Team von muZIEum beauftragte einen Designer mit der Konzeption dieser kleinen, aber ausserordentlich wichtigen Details, die blinden und sehbehinderten Besuchern das Gefühl vermitteln, willkommen zu sein, und Unabhängigkeit vermitteln. Zudem zeigen sie sehenden Besuchern, was möglich ist. Obwohl sie weder bahnbrechend noch technologisch fortschrittlich sind, kann ihr Wert nicht hoch genug eingeschätzt werden. Und diese – und ähnliche Lösungen – könnten so einfach an zahlreichen öffentlichen Orten übernommen werden. „Scheinbar kleine Dinge machen einen grossen Unterschied“, sagt Tessa. „Und sie machen es für uns einfacher, uns freier zu bewegen.“
Als Fremdenführerin fand sie auch die Reaktionen sehender Besucher:innen auf Unseen spannend, die „auf eine andere Weise aufmerksam waren“. Ihnen wird nicht nur bewusst, dass sie in anderen Museum oder Galerie auf das Sehen beschränkt sind, sondern auch, dass durch die Ergänzung um Klang und Berührung irgendwie ein abgerundeteres oder ganzheitlicheres Kunsterlebnis geschaffen wird. „Wenn ich mir die Bilder anschaue, die Audiobeschreibungen höre und das taktile Bild berühre, wird die Geschichte für mich vollständig“, sagt Tessa. „Und für Besucher:innen, die nicht sehbehindert sind, gibt es eine Simulationsbrille, die sie aufsetzen können, um zu erleben, wie es ist, Bilder zu betrachten, ohne sie wirklich sehen zu können.“
„Sie stellen mir auch viele Fragen dazu, wie es ist, mit eingeschränktem Sehvermögen zu leben, und was ich wahrnehme, wenn ich die Bilder sehe.“ Sie bemühen sich wirklich, zu verstehen. Und ich erzähle ihnen auch gerne die Geschichten der Fotografen, denn zwei davon sind als blind eingestuft und zwei weitere haben eine enge Verbindung zu Blindheit oder Sehbehinderung. Das macht es für mich als Person mit Sehbehinderung noch bedeutungsvoller. Es zeigt mir, was sich erreichen lässt.“
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World Unseen.
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