Die KI-Debatte: Nutzen, Auswirkungen und Herausforderungen

Vier erfolgreiche Profis sprechen über KI in Fotografie und Film, ihre Auswirkungen auf ihre verschiedenen Bereiche und darüber, wie sie sich die Zukunft vorstellen.
Eine KI-generierte Vorab-Visualisierung eines Raums. An einer Seite strömt Licht durch grosse Fenster und beleuchtet einen Teppich, die Möbel und eine Person, die auf der anderen Seite auf einer Couch sitzt.

Eine KI generierte Szene, die in der Set.a.Light Software für die Prävisualisierung erstellt wurde. Filmemacherin und Kamerafrau Tania Freimuth erklärt: „Man kann einen Raum erstellen und so aussehen lassen, wie einen zukünftigen Drehort. Dann platziert man Menschen darin und fügt Kameras/Lichter hinzu, die in der Branche häufig zum Einsatz kommen.“ © Elixxier Software GmbH

Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz in Fotografie, Videoproduktion und Content Creation, die Verbreitung von „KI-Slop“ und die Auswirkungen von KI auf den Lebensunterhalt der Menschen, die in der Branche arbeiten – diese Dinge sind in aller Munde. Um diese Probleme zu beleuchten, haben wir vier führende Canon Fotografen und Filmemacher aus verschiedenen Bereichen zusammengebracht.

„Unsere Branche ist im Wandel“, merkte der Fotograf und Filmemacher Clive Booth in unserer Runde an. „Wie können wir uns zusammen mit ihr verändern? Wie können wir einen Schritt voraus bleiben? Jeder von uns geht anders an diese Fragen heran.“

Hier die Highlights aus ihrem Gespräch.

Headshots der Canon Ambassadors Elisa Iannacone und Wanda Martin.

Die Moderatorin unserer Runde, Elisa Iannacone (links), ist Fotografin, Filmemacherin und Dozentin. Zu Beginn ihrer Karriere arbeitete sie im Bereich der Kriegsberichterstattung, doch ihre neueren Arbeiten verbinden Journalismus und magischen Realismus. Kritische Themen geht sie mit einer emotionalen und menschlichen Perspektive an. Die letzten Jahre hat sie sich mit synthetischen Medien beschäftigt, auch mit der Ethik und den Auswirkungen auf die Bildgestaltung. Erst vor kurzem erhielt sie eine Zertifizierung der Universität Helsinki im Bereich KI-Ethik.

Wanda Martin (rechts) ist eine konzeptionelle Bildschöpferin und bringt die Welten von Fine Art und High Fashion zusammen. Ihre Fotografie ist sehr malerisch, romantisch und manchmal auch subversiv. Sie liebt traditionelle Druckmedien und nennt verschiedene Inspirationen: Renaissance-Malerei, Avant-Garde der präraffaelitischen Bruderschaft in den 1840er Jahren sowie die visuellen Merkmale rebellischer Subkulturen im 20. Jahrhundert, ganz besonders aus dem Rock and Roll.

Headshots der Canon Ambassadors Tania Freimuth und Clive Booth.

Filmemacherin und Kamerafrau Tania Freimuth (links) begann ihre Karriere mit Musikvideos für MTV. In den folgenden Jahren filmte sie Werbespots, bevor sie an preisgekrönten Filmen und Fernsehserien mitwirkte. Heute arbeitet sie hauptsächlich bei Filmen und Features aus dem Indie-Bereich mit. Sie fühlt sich häufig von Geschichten angezogen, die sich um weibliche Charaktere drehen, wie einer Film-Biografie über Cyn, der ersten Ehefrau von John Lennon. Sie wird für ihre technischen Fähigkeiten geschätzt und ist auch als Fotografin, Dozentin und Mentorin gefragt.

Nach einer erfolgreichen Karriere als Grafikdesigner wurde Clive Booth (rechts) eingeladen, Backstage bei der London Fashion Week Fotos zu machen. In seinem ganz eigenen, atmosphärischen Stil, setzt er das verfügbare Licht mit selektivem Fokus ein. Clive arbeitet als Fotograf und als Filmemacher. Er macht insbesondere Porträts und Modeaufnahmen und ist bekannt dafür, Drucke zu lieben und gerne mit neuen Technologien wie immersiver VR zu experimentieren. Seit einigen Jahren hat er sich sorgfältig Projekte ausgesucht, die seiner Meinung nach einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden müssen, zum Beispiel über das Leben von Freiwilligen auf Rettungsbooten.

Wie Profis die KI in ihrem Workflow einsetzen

Elisa Iannacone: Wie verwendet ihr KI im Tagesgeschäft, falls überhaupt?

Tania Freimuth: In der Vorproduktion, zum Beispiel zum Visualisieren eines Sets. Dann gibt es Apps zur Bildgenerierung, die man vielleicht für Mood- oder Story-Boards einsetzt.

Ob als Fotografen oder Filmemacher – wir alle suchen nach qualitativ hochwertigen Bildern. Die Bildschirme zu Hause werden nur noch grösser, und die Leute schauen auch immer genauer hin, mit ständig höheren Erwartungen. Einige Filmgenres, die mehr wie Dokumentationen wirken sollen, profitieren von einem etwas unsauberen Look. Für andere Genres in Film und Fotografie ist die KI ein Segen, da sie dadurch noch glatter aussehen können.

Clive Booth: Für mich ist die Antwort ganz klar die Postproduktion. Ich selbst verwende Adobe Lightroom1 und KI-gestützte Nachbearbeitung2. Ich erstelle aber keine Bilder mit KI. Ab und zu verwende ich auch beim Schreiben generative KI, aber nur, um eine grosse Menge Text zu kürzen. Und dann schreibe ich wahrscheinlich sowieso alles noch sechs oder sieben Mal um.

Wanda Martin: Ich kenne viele Fotografen, die KI zum Erstellen von Konzeptbildern und Mood Boards verwenden. Ich persönlich bin da viel altmodischer: Ich nutze Pinterest, Standfotos aus Filmen, Gemälde und so weiter, und erstelle meine PDFs von Hand. Ich verwende KI aber in der Postproduktion, und es ist schon ein tolles Tool, da es den gesamten Prozess beschleunigt. Ich nutze sie also nicht, um Neues zu erschaffen oder um etwas zu ersetzen. Sie hilft mir nur dabei, ablenkende Elemente wie Falten zu entfernen und so saubere Hintergründe zu erhalten. Das spart mir viel Zeit.

A technician wearing purple gloves works on the circuitry of a Canon camera on a table.

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Die Schnittstelle der Set-a-Light-App zeigt eine Vorab-Visualisierung eines Raums. An der Seite sind die zahlreichen Steueroptionen zu sehen, und unten die verschiedenen Lichter, die zum virtuellen Set hinzugefügt werden können.

Mit KI-basierten Apps zum Erzeugen von Szenen, so wie Set.a.Light, kann man Tania zufolge bei der Prävisualisierung eine Menge Zeit und Geld sparen. Man kann ein virtuelles Set konstruieren und ganz nach Wunsch die verschiedenen Kameras und Lichter platzieren. So lässt sich im Voraus das optimale Setup bestimmen, noch bevor man am Ort des eigentlichen Shootings ankommt. © Elixxier Software GmbH

Elisa: Es gab da einen klassischen Fall, bei dem Steve McCurry die Menschen aus Dokumentarbildern entfernte, um diese ästhetischer wirken zu lassen. Der Unmut war gross. Natürlich geht es hier um eine ganz bestimmte Kategorie der Fotografie, aber was denkt ihr, wie weit darf so etwas gehen?

Wanda: Selbst in der analogen Ära, vor Photoshop, haben Retuscheure schon Menschen aus Bildern verschwinden lassen. KI ist einfach nur ein Tool, das uns dabei unterstützt. Ich denke, es wird problematisch, wenn KI beginnt, die Kreativen zu ersetzen. Kunden sehen, dass die KI alles beschleunigt, und plötzlich braucht man scheinbar keine Fotografen, Stylisten, Hairstylisten, Makeup-Artists oder gar Models mehr.

In einer meiner Ausstellungen letztes Jahr hatte ich diese riesigen, 2 Meter hohen Drucke. Dann habe ich mit KI experimentiert und eine App verwendet, um KI-Animationen daraus zu erstellen. Dadurch erhielten die Bilder etwas Spielerisches, aber ich habe niemanden und keine menschlichen Elemente durch KI ersetzt – wobei, ich habe keinen 3D-Artist angeheuert, also habe ich doch den Künstler ersetzt ...

Tania: Ganz schön schwierig, nicht wahr? Als Creator erhält man durch KI die Chance, seine Arbeit auf eine andere Ebene zu bringen und neue Wege einzuschlagen. Aus Sicht eines Creators könnte man also sagen, dass sie uns beflügelt. Und zumindest an diesem Punkt denke ich nicht, dass sie Menschen den Job kostet, schliesslich sprechen wir über den einzelnen Künstler.

Clive: Vom Standpunkt des Retuscheurs aus ist es schon unglaublich, welche Möglichkeiten uns Software bietet, Dinge zu entfernen. Vor zwanzig Jahren gab es in London ganze Retuschebüros, und die Kosten waren hoch. Noch vor ein paar Jahren war das ein wichtiger Beruf. Jetzt gibt es so viel mehr Möglichkeiten. Ich denke, KI wirkt sich aus, wie ein Erdbeben. Das trifft es meiner Meinung nach ganz gut.

Wanda: Ich habe auf jeden Fall weniger zu tun als noch vor einigen Jahren, insbesondere was kommerzielle Aufträge angeht. Ich mache noch Modestrecken und arbeite auch weiterhin mit vielen Musikern und Plattenlabels zusammen – aber auf der kommerziellen Seite verwenden sie entweder ein Standbild aus einem Film oder beauftragen eine/n Kameramann/-frau, ein Bild aufzunehmen. Oder sie verwenden KI, um gleich das eigentliche Bild für die Kampagne zu erstellen.

Ein Schwarz-Weiss-Porträt bei wenig Licht, auf dem ein Tänzer direkt in die Kamera blickt und Schweissperlen auf der Stirn hat. Aufgenommen von Clive Booth mit einer Canon EOS R5 Mark II und einem Canon RF 50mm F1.2L USM Objektiv.

„Vor ein paar Jahren war ich zu einem Shooting beim Ballett in Sadlers Wells. Dabei machte ich Aufnahmen von der Seite der Bühne, bei wenig Licht und hohen ISOs”, sagt Clive. „Ich habe die Dateien in Adobe Lightroom1 bearbeitet und die KI-gestützte Rauschreduzierung ausprobiert. Das hat mich einfach umgehauen und vollkommen verändert, wie ich an diese Art von Aufnahmen herangehe.“ Das Tool hat das Rauschen minimiert, doch die feinsten Details in der Textur der Haut und in den Schweissperlen auf dem Gesicht des Motivs sind bewahrt geblieben. Aufgenommen mit einer Canon EOS R5 Mark II und einem Canon RF 50mm F1.2L USM Objektiv, Verschlusszeit 1/200 Sek., Blende 1:1,4 und ISO 3200. © Clive Booth

Eine Schwarz-Weiss-Aufnahme einer Gruppe von Tänzern bei wenig Licht, die bereitstehen, während andere Personen im Hintergrund fast wie gemalt aussehen. Aufgenommen von Clive Booth mit einer Canon EOS R5 Mark II und einem Canon RF 50mm F1.2L USM Objektiv.

„Ich folge dem Storytelling auf authentische Art und Weise”, erklärt Clive. „Ich hatte diese Beziehung zum Birmingham Royal Ballet und eine Idee im Kopf: Die Tänzer in den ersten Sekunden nach dem Verlassen der Bühne zu fotografieren, ob während oder nach der Vorstellung, weil das Leben der Elite-Tänzer wirklich hart ist. Da gibt es natürlich Tränen und Schmerz, aber auch Lachen und Erleichterung, unzählige Emotionen. Das kann die KI nicht nachahmen.“ Aufgenommen mit einer Canon EOS R5 Mark II und einem Canon RF 50mm F1.2L USM Objektiv, Verschlusszeit 1/100 Sek., Blende 1:1,8 und ISO 3.200. © Clive Booth

Die Auswirkungen der KI – wie weit darf das gehen?

Elisa: Wanda, du hast darüber gesprochen, wie du aus einigen deiner Bilder eine Animation erstellt hast. Deine Bilder sind so konzeptionell, was hält dich denn davon ab, einfach das Bild zu generieren? Warum ist es dir noch so wichtig, diese Bilder als Fotografin selbst aufzunehmen?

Wanda: Ich mache gerne Dinge mit meinen Händen. Ich male auch gerne meine Hintergründe selbst. Ich denke, ich würde niemals etwas vollständig mit KI generieren, auch wenn es mir das Leben leichter machen würde. Ehrlich gesagt gehe ich vielleicht eher den gegensätzlichen Weg und arbeite wieder ganz analog.

Es ist fast so, wie zu der Zeit, als die Fotografie erfunden wurde. Die Maler hatten panische Angst, bald nicht mehr gebraucht zu werden. In Wahrheit wurden sie durch die neu erfundene Fotografie aber davon befreit, diese Art von realistischen Darstellungen machen zu müssen. Und dann erschienen Avant-Garde, Impressionismus und abstrakte Kunst auf der Bildfläche. Ich bin nicht sicher, ob auch wir derart befreit werden. Ich hoffe einfach, dass digitale, analoge und KI-Technologien in Zukunft als verschiedene Medien koexistieren können. Analoge Kunst erlebt bereits eine Renaissance. Ich habe sogar begonnen, mit einer Kollodium-Nassplatte und anderen archaischen Verfahren zu experimentieren. Wie aufregend wäre es, alle möglichen Verfahren in einem Medienprojekt zu vermischen – KI und eine Kollodium-Nassplatte und digitale Aufnahmen und dann Kollagen davon.

Elisa: Tania, welche Erfahrungen hast du in der Welt des Filmemachens mit alledem gemacht?

Tania: Ich persönlich jetzt nicht so dramatische, ehrlich gesagt. Die Dinge lassen sich in verschiedene Lager unterteilen. Zum Beispiel wird VR speziell für Filme, Werbung oder Musikvideos verwendet. Ich bin ja immer noch im Indie-Bereich tätig, und da können wir uns solche Budgets sowieso nicht leisten. Ausserdem gibt es eine erhebliche Vorlaufzeit, um diese Technologien einzusetzen. Im Indie-Bereich ist alles also sowieso ein wenig mehr „Low-Fi“.

Ich denke, es gibt noch Hoffnung, weil sonst alles immer dasselbe ist. Menschen langweilen sich und suchen dann nach Alternativen. Vielleicht können wir die KI-Technologie überleben, indem wir uns darauf besinnen, anders zu sein und authentisch zu bleiben.

Ich würde niemals aufhören, kreativ tätig zu sein, und die Geschichte von jemandem zu erzählen. Das hat man bei einem generierten Bild nicht, weil die Beteiligten dafür keine Entwicklung durchgemacht haben, nicht wahr? Diesen Teil kann die Technologie meiner Meinung nach einfach nicht ersetzen. Mit KI-Tools kann ich wunderschöne Ballett-Tänzer erzeugen, grossartige Konzeptfotos machen und einen tollen Film dazu drehen. Aber die Entwicklung, die diese Menschen zusammen durchgemacht haben – die kann ich nicht generieren. Die Menschlichkeit lässt sich nicht ersetzen.

Elisa: Könnte jemand mit KI-Tools etwas erschaffen, das so gut ist, wie deine Kreationen? Oder sogar noch besser?

Tania: Nun, es wäre auf jeden Fall anders, dieser jemand wäre ja nicht ich, und nicht du. Genau das hatte ich gerade gemeint: Deine Inhalte stammen von dir und dokumentieren die Entwicklung, die jemand anderes durchmacht. Es wäre also anders.

Wanda: Einer meiner sehr guten Freunde sagte mir: „Weisst du Wanda, die Fotografie ist tot.“ Und ich dachte mir: Nein, das will ich nicht glauben. Aber seine Arbeiten hatten schon immer etwas Künstliches, Plastikartiges. Vielleicht stimmt es also in seinem Genre und für seine Ästhetik. Es gibt aber eine Menge Genres – Dokumentationen, Strassenfotografie, Hochzeitsfotos und sicherlich auch Porträts – für die dieses menschliche Element unverzichtbar ist.

Clive: Ich erreichte ein gewisses Alter, wo ich mir wünschte, meine Arbeiten zu meinem Vermächtnis zu machen. Nicht nur für mich selbst, sondern auch für die Menschen, die ich fotografiere. Da habe ich angefangen, viel Zeit mit Projekten zu verbringen, die mir persönlich am Herzen liegen. Ich wollte meine Arbeiten so authentisch machen, wie nur irgendwie möglich. Es hat 10 Jahre gedauert, an diesen Punkt zu gelangen, und es war ein sehr schwieriger Weg, keine Frage. Doch als die Aufträge langsam versiegten, begann ich auf gewisse Weise, meine eigenen Arbeiten zu erfinden. Und dann kamen Gelder aus anderen Quellen herein.

Ein Techniker mit lilafarbenen Handschuhen arbeitet an einem Tisch an der Schaltung einer Canon Kamera.

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Vor einem Hintergrund wie ein präraffaelitisches Bild, steht ein Model im Look einer Fee, mit spitzen Ohren und flauschigen weissen Flügeln. Sie lehnt sich nach vorne und ihr langes rotbraunes Haar geht ihr fast bis zu den Knien. Ein Fantasy-Porträt von Wanda Martin.

Ist es KI-generiert? Nein, Wanda Martin nahm dieses Fantasy-Bild mit einem echten Model, dem passenden Makeup und Requisiten auf. Für eine Ausstellung wurde das Bild auf ca. zwei Metern Höhe ausgedruckt. Wanda verwendete dann eine AR-App namens Artivive, um basierend auf dem Bild eine Animation zu erstellen (KI-generiert, rechts). Besucher der Ausstellung konnten sie sich auf dem Smartphone ansehen, wenn sie damit auf den echten Druck zeigten, und das Bild so zum Leben erwecken.

Elisa: Denkst du, die KI fördert den Zugang zu Fotografie und Film, so wie es Smartphones gemacht haben?

Wanda: Mein Bruder ist Grafikdesigner und nutzt ebenfalls KI für seine Konzeptbilder. Er sagte, dass praktisch jeder hunderte von Bildern mit KI generieren kann. Letztendlich muss man einen Prompt schreiben können und am Ende ein Bild auswählen, und man braucht nach wie vor ein Verständnis von Licht, Komposition und Storytelling.

Einsteigern würde ich daher auch heute dazu raten, erst eine analoge Kamera in die Hand zu nehmen. Macht euch mit Blende, Verschlusszeit und Empfindlichkeit vertraut, bevor ihr den digitalen Weg geht. Und wenn man diesen Weg gegangen ist, eine eigene Ästhetik und einen eigenen Geschmack entwickelt hat, dann kann man sich vielleicht der KI zuwenden. Man braucht schon einen eigenen Geschmack, eine klare Vision und eine Ästhetik, um KI gut zu verwenden.

Elisa: Genau so habe ich es auch gemacht, ich habe erst mit analoger Technik gelernt und bin dann zur digitalen übergegangen. Ich fürchte, jüngere Generationen würden das als etwas archaisch bezeichnen. Aber du hast ja eigentlich davon gesprochen, eine eigene Stimme zu finden. Wenn man das, was andere geschaffen haben, einfach wiedergibt und daraus etwas Neues macht, fühlt sich das fast so an, als geht man in eine Galerie und betrachtet ein Werk eines anderen Künstlers. Was fehlt, ist der Prozess, die fremde Kunst selbst zu extrapolieren und dann zu kondensieren. Es scheint, dass die Menschen in Zukunft vielleicht seltener ihre eigene Stimme und Intuition entwickeln.

Clive: Es gibt da ein Wort, das ich gerne einwerfen würde: Handwerkskunst. Wisst ihr, am Ende geht es immer um Handwerkskunst.

Elisa: Ich liebe dieses Wort. Dieses Konzept, für seine Kunst zu bluten, gibt es ja aus gutem Grund. Das kennt bestimmt jeder von uns hier: Es ist fast so, als wäre es die Kunst, die dich auswählt. So, du bist ab jetzt in diesem Leben gefangen.

Clive: Bei den Objektiven haben wir heute wirklich herausragende Technologie, und ich arbeite mit den besten Kameras, die ich je hatte. Aber es geht weniger um die Technologie, als um die Menschen – das geistige Eigentum, das wir in unseren Köpfen tragen. All unser Wissen, und nicht nur das Wissen aus Fotografie und Filmproduktionen. Unsere Lebenserfahrung, und wie wir sie weitergeben, so wie im Rahmen des Canon Young People Programme.

Wanda: Es ist so wichtig, junge und aufkommende Fotografen zu unterstützen und ihnen dabei zu helfen, ihre Stimme zu entwickeln. Denn ja, am Ende des Tages kann das die KI nicht reproduzieren.

Tania: Ich gebe ja auch Unterricht, und versuche den Menschen immer häufiger genau das beizubringen: Ihre eigene Stimme zu entwickeln und sich darauf zu konzentrieren, was sie zum Prozess beitragen, und wer sie sind. Dann muss man sich natürlich auf die handwerklichen Grundlagen konzentrieren und üben.

Ich denke, wenn man neu in der Branche ist, hat man doch diese innere Neugierde. Einsteiger finden zum Beispiel das Genre Film interessant, weil alle anderen etwas anderes machen. Genau dieses Feuer muss man am Leben halten.

Ein Model steht in einer schwarzen Jacke und einem plissierten Rock vor einer gemalten Landschaft. Ein Modefoto, aufgenommen von Wanda Martin.

Wanda mag den malerischen Touch, selbst in recht unkomplizierten Mode-Shootings. Ihre Models müssen aber echt und dürfen nicht KI-generiert sein – „sie brauchen das menschliche Element“. Sie fügt hinzu: „Ausserdem habe ich schon immer gerne etwas Rock and Roll, ein paar Subkultur-Elemente eingebracht. Als Models mochte ich schon immer interessante Charaktere, wie einen Punk-Musiker, dem ein Zahn fehlt, so in dieser Art. Beim Casting neige ich also auf jeden Fall in Richtung Dokumentation, das ist meiner Meinung nach sehr wichtig.“ Andererseits setzt sie gerne KI ein, wenn etwas in der physischen Welt nicht möglich wäre (wie bei dem KI-generierten Video rechts, das ursprünglich auf einem posierten Foto basiert).

Sind die Profis eher begeistert oder besorgt, was KI angeht?

Elisa: Wenn wir ein Barometer zwischen Begeisterung und Besorgnis hätten, was KI und die zukünftige Entwicklung angeht – wo würdet ihr euch da persönlich einordnen?

Clive: Ich bin da irgendwo in der Mitte und neige vielleicht etwas zur positiven Seite, aber nicht sehr weit. Als frühzeitiger Anwender bin ich nicht völlig skeptisch. Ich liebe ja neue Technologien. Nur eben keine generative KI. Bei einem Projekt hatte ich die Idee, generative KI anstelle einer LED-Wand zu verwenden. Einige Kollegen sagten mir: „Da nimmst du aber anderen ihr geistiges Eigentum weg.“ Da ist mit erst ein Licht aufgegangen, wie falsch das ist. Ich kann das einfach nicht mehr machen. Es ist unmoralisch.

Wisst ihr, ein Stück weit ist das Kind schon in den Brunnen gefallen. Ich weiss nicht, ob man sich überhaupt dagegen wehren kann. Wir dürfen aber nicht aufgeben. Man sollte zum Beispiel keine Verträge unterschreiben, wenn sie die unbeschränkte Verwendung unserer Bilder gestatten – überlasst der KI nicht euer Werk. Natürlich kann es sein, dass man dann den Job nicht bekommt. Und gerade wenn man Familie hat, habe ich Verständnis. Die Menschen sollten sich, unter anderem in Foren, Podcasts und Webinaren, darüber informieren, wie das rechtlich funktioniert.

Ich habe das schon oft erlebt, gerade in der Werbebranche. Da steht dann: „Unbeschränkte Verwendung, auf unbestimmte Zeit“. Wenn ihr so etwas lest, nicht unterschreiben. In Zeiten der KI nennen sie es gern eine „Anstellung“. Natürlich ist es keine „Anstellung“. Big Tech verleibt sich alles ein.

Am Ende wird sich die KI selbst verschlingen. Sie pumpt das ganze Zeug heraus, und dann wird es wieder von KI einverleibt, bis es zu Schlamm wird.

Tania: Was das Geld angeht, wird es sicher auch weiterhin ausgegeben, nur eben an anderer Stelle. Ich denke da zum Beispiel an Unreal Engine, einem starken Motor in der virtuellen Produktion. Aber die Kosten sind hoch. Und man hat man Vorlaufzeiten zwischen einem und drei Monaten. Ehrlich gesagt sehe ich nicht, wo man da wirklich etwas spart.

Elisa: Da gibt es meiner Meinung nach einen Unterschied zwischen Fotografie und Filmemachen. Was Standbilder angeht, wurden definitiv eine Menge Jobs in kurzer Zeit vernichtet.

Wanda: Ja, das stimmt leider. Aber Clive hat vorhin etwas Richtiges gesagt – wir erhalten mehr Freiheiten und Freizeit für Experimente, persönliche Projekte und Konzeptionen. Ich sehe mich also auch eher in der Mitte des Barometers, ich bin schon sehr neugierig. Ich will den Umgang mit KI lernen, und möchte sie als neues Medium ansehen, dass ich mit analogen und digitalen Aufnahmen vermischen kann.

Ein kleiner Junge in Blau sitzt an einem Party-Tisch, mit farbenfrohen Ballons und einem Banner mit der Aufschrift „Happy Birthday“ im Hintergrund. Er ist von Trümmern und Ruinen umgeben, andere Menschen im Bild arbeiten mit Schubkarre, Spitzhacken und anderen Werkzeugen. Fantasy-Porträt, aufgenommen von Elisa Iannacone mit einer Canon EOS R1 und einem Canon RF 24-70mm F2.8 L IS USM Objektiv.

Wieder, nicht KI-generiert. Diese beeindruckende Szene gehört zur Serie „Hope in the Rubble“ von Elisa Iannacone, die in Syrien und in der Ukraine aufgenommen wurde. Wie sie erklärt, traf am 6. Februar 2023 ein Erdbeben der Stufe 7,8 die südliche Türkei und den Norden Syriens. Es verwüstete eine Region, die schon von Jahren des Konflikts gezeichnet ist. Für ein Kind, das zufällig an diesem Tag seinen Geburtstag hat, vermischt sich die Freude mit „der Trauer und Unsicherheit einer Tragödie, die unser Leben verändert hat“, wie das Kind es beschreibt. Elisa unterstreicht, dass es um die Geschichte geht, nicht nur um das Bild, das sie einfangen möchte: „Der unersetzliche Teil ist das menschliche Element“. Aufgenommen mit einer Canon EOS R5 C und einem Canon RF 24-70mm F2.8L IS USM Objektiv, bei 38 mm, Verschlusszeit 1/200 Sek., Blende 1:9 und ISO 250. © Elisa Iannacone

Ein Schwarz-Weiss-Porträt einer Tänzerin, die einen Tänzer auf die Wange küsst, während er von hinten das Kinn auf ihre Schulter lehnt. Aufgenommen von Clive Booth mit einer Canon EOS R5 Mark II und einem Canon RF 50mm F1.2L USM Objektiv.

„Wir müssen uns anpassen“, sagt Clive. „Wir müssen uns neu erfinden, neue Wege finden, unseren Lebensunterhalt zu verdienen, und dabei doch Künstler bleiben. Ich habe versucht, stärker auf Authentizität zu setzen. Dieser Begriff hängt euch vielleicht schon zu den Ohren heraus, aber das sind nun einmal echte Porträts echter Menschen, häufig in Tränen und unter Schmerzen. Das sind tolle Motive, versteht mich nicht falsch. Aber eigentlich geht es um Storytelling.“ Aufgenommen mit einer Canon EOS R5 Mark II mit einem Canon RF 50mm F1.2L USM Objektiv, Verschlusszeit 1/100 Sek., Blende 1:1,4 und ISO 3.200. © Clive Booth

Wo sehen die Profis die Zukunft der KI

Elisa: Zusammenfassend zum Abschluss, was macht euch Sorgen, und wovon seid ihr begeistert?

Wanda: Ich habe Angst, dass viele kreative Menschen durch KI ersetzt werden, und dass ich weniger Aufträge haben werde, als bisher. Ich aber auch von all den Möglichkeiten und der Freizeit begeistert, weil mir KI so viel Zeit spart.

Tania: Ich mache mir Sorgen, dass die Kreativität ihre Authentizität verliert, dass alles generisch wird. Man kann regelrecht zusehen, wie es geschieht, und ich wehre mich dagegen. Ich hoffe nur, andere Menschen tun das auch. Ich bin begeistert, was mit KI zur Postproduktion in der Fotografie möglich ist. Ich gehe aber weiterhin mit meiner Kamera nach draussen. Was ich nun mache, sind Projekte aus Leidenschaft, und das treibt mich bei der Arbeit an.

Clive: Ich mache mir grosse Sorgen, dass den Menschen ihr Werk gestohlen wird. Man kann das bei keinem anderen Wort nennen. Diese Engines durchkämmen das Internet nach unseren Werken. Ich bin auch besorgt um die Jobs – zum Beispiel in der Modelbranche, die bestimmt stark betroffen sein wird. Ich blicke aber schon optimistisch in die Zukunft, wenn ich sehe, was da durchsickert, wie die fantastische Rauschreduzierung, und dass VR immer zugänglicher werden. Das alles ist sehr aufregend. Wohin uns die KI führen wird, wer weiss? Ich versuche, optimistisch und nicht pessimistisch darüber zu denken. Wir sollten die Technologie zu einem gewissen Grad annehmen, uns aber der Realität nicht verschliessen, was KI zu dem macht, was sie ist – und welche Opfer wir bringen müssen, damit sie möglich wird.

  1. Adobe, Lightroom und Photoshop sind entweder Marken oder eingetragene Marken von Adobe in den USA und/oder anderen Ländern.
  2. Es sind noch weitere KI-basierte Tools für Rauschreduzierung und Bildverbesserung verfügbar. Das Bildbearbeitungstool mit neuronalen Netzwerken (Abonnement erforderlich) steht dir in der Digital Photo Professional Software von Canon und im Internet unter image.canon zur Verfügung. Du kannst damit intelligent Rauschen, Aliasing, Moiré-Effekte und Falschfarben reduzieren, Bildinhalte analysieren und die Authentizität der ursprünglichen Aufnahme bewahren. Das bahnbrechende Upscaling-Tool mit neuronalen Netzwerken von Canon kann die Auflösung eines Bildes verdoppeln, und zwar mit wesentlich fotorealistischeren Ergebnissen als beim herkömmlichen Skalieren. Auch dieses Tool ist von einem Abonnement abhängig. Du benötigst aber kein weiteres Abo, wenn du bereits das Bildverarbeitungstool mit neuronalen Netzwerken abonniert hast.

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