Eine wirklich gute Aufnahme mit einer Spiegelung, lässt den Betrachter innehalten und noch einmal genau hinschauen. Ob ein Läufer, der in einem Schaufenster „schwebt“, oder ein Skateboarder, der sich in einer Pfütze spiegelt – alltägliche Szenen wirken plötzlich grafischer und überraschender. Doch sobald man es selbst versucht, merkt man: Es geht nicht nur um das richtige Timing, sondern vor allem darum, richtig zu fokussieren.
Hier erklärt der Action-Fotograf und Canon Ambassador Lorenz Holder, wie er fokussiert, um schnelle Action in reflektierenden Oberflächen einzufangen – egal ob Pfütze, Fenster oder Spiegel.
Wie man Spiegelungen fokussiert
Wie sollte man bei einer Reflexion am besten fokussieren?
Wenn du auf das reale Motiv fokussierst und dann die Kamera auf das Fenster oder die Pfütze richtest, in der es sich spiegelt, wird die Entfernung für den Fokus nicht stimmen. Fokussierst du jedoch auf die Pfütze, wird nur die Wasseroberfläche selbst scharf. Das gespiegelte Motiv bleibt jedoch unscharf.
Lorenz’ Lösung: Versuche nicht, die Geometrie auszutricksen, sondern nutze die Motiverkennung. Wenn dein Autofokus-System in der Lage ist, die Person in der Spiegelung zu erkennen, wird es sich auf sie einstellen – und nicht auf die Pfütze, den Gehweg oder irgendeine anderen kontrastreiche Bereich in der Nähe springen.
Verschiedene reflektierende Oberflächen verhalten sich sowohl optisch als auch praktisch unterschiedlich. Wasser, sei es eine Pfützen oder eine nasse Fahrbahn, neigt zu Wind- oder erschütterungsbedingten Wellenbewegungen, die jegliche Spiegelung verzerren. Fenster können reflektierend oder transparent sein und manchmal auch beides, je nach Lichtverhältnissen und Blickwinkel. Lorenz empfiehlt, auf jeden Fall den Autofokus der Kamera zu nutzen, um den Fokus auf der Person zu halten, die man aufnehmen will.
AF oder MF: Das hängt vom gewünschten Ergebnis ab
Wenn Lorenz das gespiegelte Motiv scharf haben möchte, arbeitet er mit Servo AF und Motiverkennung. Und so geht das:
1. Wähle die Bildkomposition zunächst so, dass der reflektierende Bereich genau dort im Bild liegt, wo du ihn haben möchtest.
2. Im Servo AF Modus verfolgst du das Motiv dann, sobald es sich in den Bildausschnitt bewegt.
3. Lass den Autofokus auf das gespiegelte Motiv scharf stellen – nicht auf die Pfütze oder das Glas selbst.
4. Nimm die Szene dann mit einer Reihenaufnahme-Sequenz auf und folge der Action.
„Wenn die gespiegelte Person in das Sichtfeld der Kamera kommt, springt das Canon AF-System direkt darauf“, erklärt Lorenz. Bei seiner Canon EOS R5 Mark II sorgt der Dual Pixel Intelligent AF dafür, dass der Fokus auch dann weiter nachgeführt wird, wenn das Motiv kurz verdeckt wird. Nimmt man bestimmte Sportarten mit einer Profi-Kamera und der Funktion „Aktionspriorität“ auf, kann diese die AF-Messfelder sogar so verlagern, dass sie dem gewünschten Motiv selbst in einer Spiegelung folgen.
Manchmal ist das Ziel jedoch nicht eine präzise Fokussierung, sondern das Festhalten der Stimmung.
„Wenn ich ein weicheres, verträumteres Bild möchte, fokussiere ich bewusst auf die Pfütze“, erklärt Lorenz. Er wechselt dann auf manuelle Fokussierung (MF) und fokussiert die reflektierende Oberfläche (oder ganz knapp davor). Das ergibt dann einen eher malerischen, abstrakten Look, bei dem die gespiegelte Person leicht unscharf wirkt. Das ist eine ganz bewusste kreative Entscheidung – und sollte nicht zufällig passieren.
Verständnis von Winkeln, Fokusebenen und warum Reflexionen den AF verwirren können
Spiegelungen sind im Grunde ein Geometrie-Problem. Eine winzige Veränderung deines Standorts kann komplett verändern, was die Oberfläche reflektiert und worauf dein AF-System scharf stellen will.
Ein Schritt nach links kann die Spiegelung plötzlich ganz klar machen und zu einem gestochen scharfen Motiv führen. Ein Schritt nach rechts kann einen hellen Lichtfleck, einen unruhigen Hintergrund durch das Glas oder eine starke Kante ins Bild bringen, auf die der AF stattdessen springt.
Wenn der Fokus also immer wieder danebenliegt, rät Lorenz daher zuerst, sich physisch zu bewegen. Geh ein Stück nach links oder rechts. Hebe oder senke die Kamera. Das kann die Szene in der Spiegelung vereinfachen, störende Elemente entfernen und das gespiegelte Motiv in eine klarere Fokusebene bringen.
Lorenz gibt dabei einen wichtigen Hinweis: Man sollte sich immer bewusst sein, dass Spiegelungen mehrere „Ziele“ enthalten können und der Autofokus dadurch leicht auf das Falsche springen kann. Falls das passiert, sollte man ein wenig die Position verändern, um den Bildausschnitt zu vereinfachen, damit das Autofokus-System klar erkennen kann, worauf es sich konzentrieren soll.
Die Spiegelung sorgt für eine herausragende Bildkomposition, wodurch die Action noch dynamischer wirkt. Aufgenommen mit einer Canon EOS R5 Mark II und einem Canon RF 15-35mm F2.8 L USM Objektiv bei 25 mm, 1/1.000 Sek., F3.5 und ISO 400. © Lorenz Holder
Spiegel, Glas und Wasser bringen jeweils ihre eigenen Herausforderungen mit sich
• Wasser (Pfützen, Seen, nasse Strassen): Wellen können das Bild unscharf machen
Das grösste Problem beim Fokussieren auf Wasser ist die Oberfläche selbst: Wind, Schritte und kleinste Erschütterungen erzeugen Wellen, die die Spiegelung zerstören. Lorenz’ einfachster Trick: Näher heran gehen.
„Je weiter du beim Fotografieren nach unten gehst – schon 1 oder 2 cm machen einen Unterschied –, desto kleiner ist der Bereich Wasser, den du für eine saubere Spiegelung brauchst“, sagt er. „Je kleiner die Fläche, desto leichter findest du eine ruhige Stelle. Bei Wind kannst du sogar deinen Rucksack als kleinen Windschutz benutzen.“
• Glas: Es spiegelt – bis es das nicht mehr tut
Glas ist tückisch, weil es je nach Winkel und Licht zwischen Spiegelung und Transparenz hin- und her wechselt. Ist es stark reflektierend (z.B. Schaufenster bei Nacht), kann die Kamera ein Gesicht oder einen Körper in der Spiegelung erstaunlich gut erkennen und nachführen.
Ist der Hintergrund hinter dem Glas jedoch hell oder unruhig, konkurrieren plötzlich zwei Szenen miteinander und der AF springt auf das, was „realer“ aussieht. Kann man das Licht hinter dem Glas nicht beeinflussen, empfiehlt sich in einer solchen Situation, den Aufnahmewinkel zu verändern.
• Spiegel (auch Handspiegel): Volle Kontrolle über den Bildausschnitt
Spiegel liefern die sauberste Reflexion und erlauben die grösste Kontrolle.
Lorenz verwendet gerne echte Spiegel, weil er genau bestimmen kann, wie viel Spiegel im Bild zu sehen ist. Er kann ihn so platzieren, dass die Reflexion zu einem bewussten Gestaltungselement wird.
Lorenz sagt, dass der Witterungsschutz seiner Canon Kamera bei Aufnahmen von Reflexionen ein häufig unterschätztes Feature ist. Er arbeitet oft nah am Boden, auf nassen Strassen und an regnerischen Tagen. Er kann das mit dem guten Gefühl tun, dass seine Kamera zuverlässig vor leichtem Regen und Wassertropfen geschützt ist.
Die Spiegelung betont den farbenfrohen Hintergrund und lässt einen noch einmal genauer hinschauen, sobald man den gespiegelten Skateboarder bemerkt. Aufgenommen mit einer Canon EOS R5 Mark II und einem Canon RF 15-35mm F2.8 L USM Objektiv bei 15 mm, 1/1.000 Sek., F5 und ISO 640. © Lorenz Holder
Licht und Belichtung: Reflexionen klar erkennbar machen
Spiegelungen sehen in weichem Licht gut aus, aber Lorenz findet, sie wirken am stärksten bei gezielter Beleuchtung.
„Wenn ich starken grafischen Kontrast möchte, fotografiere ich bei hartem Mittagslicht“, erklärt er. „Für eine sanftere Stimmung fotografiere ich morgens oder abends, wenn das Licht weicher ist.“
In jedem Fall können Spiegelungen mit ihren Lichtern und Schatten zu einer Falle werden. Deshalb arbeitet Lorenz immer mit manueller Belichtung, um die volle Kontrolle zu haben.
Das RAW-Format gibt ihm zusätzlich Spielraum, um bei der Nachbearbeitung Details aus Lichtern und Schatten zurückzuholen. Lorenz findet, dass der grosse Dynamikumfang der EOS R5 Mark II ihm dabei hilft, die hellen Bildbereiche nicht überzubelichten und die Details in den Schattenbereichen zu erhalten.
Der kreative Gewinn: Spiegelungen verändern die Wirkung deiner Bilder
Sobald du die Herausforderungen bei der Fokussierung verstehst – die „Sprung“-Entfernung, das Verhalten der Oberfläche und wann du der Fokus-Nachführung vertrauen kannst –, wird das Fotografieren von Spiegelungen zu einer gut beherrschbaren Technik, auf die du immer dann zurückgreifen kannst, wenn du ein Action-Foto machen willst, das unerwartet und spannend wirkt.
Verfasser: Jeff Meyer
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