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Meine bewegendste Geschichte: Chris Steele-Perkins über die Dokumentation der Hungersnot in Somalia

Die somalische Hungersnot war eine Katastrophe, die 300.000 Opfer forderte. Magnum-Fotograf Chris Steele-Perkins sagt, dass sie die bewegendste Geschichte war, über die er je berichtet hat. Aufgenommen mit einer Canon F-1. © Chris Steele-Perkins/Magnum Photos

Magnum Photos-Mitglied Chris Steele-Perkins hat in seiner abwechslungsreichen Karriere als Fotojournalist, die fast 50 Jahre dauerte, Hunderte von Geschichten dokumentiert. Doch die Geschichte, die die grösste emotionale Reaktion in ihm hervorruft, fotografierte er vor 25 Jahren in Somalia. Hier enthüllt er, warum das, was er fotografierte, ihn heute immer noch verfolgt.

1992 war Steele-Perkins im Auftrag der Zeitschrift „The Independent“ in Somalia unterwegs. Seine Aufgabe bestand darin, über die Hungersnot zu berichten, die zu diesem Zeitpunkt Tausende von Somali das Leben kostete. Auslöser dieser Hungersnot war keine Dürre oder Naturkatastrophe, sondern der Bürgerkrieg, der auf den Sturz von Präsident Barre im Vorjahr folgte.

„Die Hungersnot war völlig überflüssig“, erinnert sich Steele-Perkins. „Es gab genug Lebensmittel im Land, doch die wurden von bewaffneten Gangs gestohlen und in bewachte Lager gebracht, bis die Preise steigen. Es war absoluter Wahnsinn.“

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Darstellung der Geschichte

Als Steele-Perkins in der somalischen Hauptstadt Mogadischu eintraf, fand er Menschen vor, die im wahrsten Sinne des Wortes auf der Strasse starben. „Ich hatte zuvor schon über Kriege und Hungersnöte berichtet, aber dort herrschte ein seltsames Mass an Herzlosigkeit, das ich nicht verstehen konnte“, fährt er fort. „Eine Frau und ein Kind lagen neben der Strasse, deutlich kurz vorm Sterben, aber die Leute ignorierten sie einfach. Ich hatte bewaffnete Wächter dabei, weil man ohne sie einfach nirgends hingehen konnte, aber sie sträubten sich, diesen Leuten zu helfen. Daher fühlte ich mich noch hoffnungsloser als je zuvor.“

Um der Geschichte nachzugehen, besuchte Steele-Perkins ein grosses Vertriebenenlager, in dem einige Tausend Menschen untergebracht waren. Obwohl die Menschen dort dringend Lebensmittel und Medikamente benötigten, bekamen sie nichts von beidem. Er schätzt, dass etwa 100 Menschen täglich allein in diesem Lager starben.

Er fing die erschreckenden Szenen, die er beobachtete, ein, einschliesslich Bilder von Müttern, die die Leichen ihrer Kinder für das Begräbnis vorbereiteten. Er fotografierte auch Schützen der vielen Milizen, die die Kontrolle an sich gerissen hatten. Und die Ankunft der Nahrungsspenden, die später durch diese bewaffneten Milizen geplündert wurden.

Men roll red barrels out of the sea onto the beach.
Andrew Natsios, ehemaliger Direktor des US Office of Foreign Disaster Assistance (OFDA), beschreibte die Hungersnot als „die schlimmste humanitäre Katastrophe der modernen Welt“. Aufgenommen mit einer Canon F-1. © Chris Steele-Perkins/Magnum Photos
A small child looks through a gap between iron gates.
Steele-Perkins reiste während der Hungersnot in ein Vertriebenenlager in Somalia, wo er Erwachsene und Kinder sah, die dringend Nahrung und Medizin brauchten. Aufgenommen mit einer Canon F-1. © Chris Steele-Perkins/Magnum Photos

Das Bild, das Steele-Perkins aus seiner Zeit in Somalia am stärksten im Gedächtnis geblieben ist, zeigt eine Mutter, die ihr Kind in einem Ernährungszentrum stillt (siehe unten). Obwohl er nicht mit der Frau gesprochen und nur vier Bilder aufgenommen hat, erinnert er sich noch lebhaft an den Moment, in dem er sie sah.

Sie schwebten eindeutig in einer lebensbedrohlichen Situation, doch für Steele-Perkins sendet das Bild im Vergleich zu vielen anderen, die er in Somalia aufgenommen hat, eine andere Botschaft. „Mütter und Kinder wurden unzählige Male fotografiert, aber dieses Bild hat etwas Biblisches an sich“, sagt er. „Für andere mag es vielleicht schwer zu verstehen sein, aber für mich schwingt darin Hoffnung mit. Das Kind ist fürchterlich abgemagert, aber es bekommt etwas Milch von seiner Mutter und könnte vielleicht überleben.“

Steele-Perkins dokumentierte die Hungersnot etwa vier Wochen lang bei sengenden Temperaturen und dem allgegenwärtigen Anblick und Geruch des Todes. „Es war eine der wenigen Zeiten, in der ich abgehärtete Journalisten und Fotografen zusammenbrechen gesehen habe“, sagt er. „Ich hatte zuvor schon Hungersnöte beobachtet und dachte, ich würde besser damit klarkommen, aber dieser Fall war besonders erschütternd. Ich erinnere mich, wie ich mit einem befreundeten französischen Journalisten unterhaltete und sagte, dass die Hölle, wenn es sie denn gibt, so aussehen muss. Ich glaube, das hat auch heute noch Gültigkeit.“

Der Wechsel von Film zu digitalen Technologien

A man, woman and child stand in a room with patterned wallpaper. The child is supported with crutches and the woman with a staff.
Viele der Menschen, die Steele-Perkins 1992 in Somalia fotografierte, brauchten auch medizinische Versorgung. Aufgenommen mit einer Canon F-1. © Chris Steele-Perkins/Magnum Photos
A woman breastfeeds a painfully thin baby.
Dieses Bild einer Mutter, die ihr Kind stillt, weckte Hoffnung in Steele-Perkins. Es zeigte, dass sie eine kleine Chance hatten, die Hungersnot in Somalia zu überleben. Aufgenommen mit einer Canon F-1. © Chris Steele-Perkins/Magnum Photos

Steele-Perkins nahm all seine Bilder der Hungersnot in Somalia mit Canon F-1-Kameras auf Farbfilm auf. „Die Canon F-1-Kameras waren meine Arbeitstiere. Sie funktionierten unermüdlich weiter, selbst unter den heissen und staubigen Bedingungen“, erinnert er sich. „Sie waren einfach, und das war alles, was ich brauchte. Ca. 90 % der Zeit fotografierte ich mit einem 35-mm-Objektiv, aber auch gelegentlich mit einem 100-mm-Objektiv, wenn ich einen diskreten Abstand wahren wollte.“

Heute arbeitet Steele-Perkins weiter an persönlichen Projekten, darunter einer Serie namens „The New Londoners“ mit Porträts von Migranten aus der ganzen Welt, die jetzt in London leben. Seine Hauptkameras sind die Canon EOS 5D Mark II und die Canon 5D Mark III. Er geniesst alle Vorteile, die die digitalen Spiegelreflexkameras mit sich bringen, einschliesslich des schnellen Autofokus und der deutlich verbesserten Leistung bei wenig Licht.

Two woman cling onto each other bravely. One has a tear rolling down her cheek, but looks ahead resolutely, while the other partially hides her face.

Hat der Fotojournalismus im digitalen Zeitalter eine Zukunft?

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„Ich hege keinerlei Nostalgie für Film“, sagt er. „Für mich sind die beiden grossen Vorteile [von digitalen Technologien], dass man mehr als 36 Bilder in einem einzigen Schritt fotografieren und den ISO-Wert während den Aufnahmen nach Belieben ändern kann. Dazu musste ich früher den Film zurückspulen, herausnehmen und durch einen anderen Film ersetzen oder mit mehr als einer Kamera fotografieren.“

„Jetzt kann ich die Anpassungen in wenigen Sekunden vornehmen. Mit der 5D Mark II und 5D Mark III kann man den ISO-Wert auf einen wirklich nützlichen Bereich festlegen, ohne Einbussen bei der Qualität. Ich mag sehr einfache Kameras. Wenn der Blitz funktioniert, die Kamera zuverlässig ist und die Objektive gut sind, dann bin ich zufrieden.“

Heute ist Steele-Perkins nicht mehr davon überzeugt, dass der Fotojournalismus die Dinge wirklich verändern kann. Wenn er jedoch seine Bilder der Hungersnot in Somalia von 1992 betrachtet, hat er zumindest das Gefühl, dass er durch seine Anwesenheit und die Dokumentation der Geschehnisse einen kleinen Beitrag geleistet hat.

„Das Magazin ‚The Independent‘ veröffentlichte eine Titelgeschichte dazu, die die Hungersnot und ihre Ursachen gut dokumentierte und meine Bilder verwendete. Ich weiss nicht, welchen Unterschied das letztendlich gebracht hat, aber zumindest war ich beruhigt, dass die Geschichte es in die Druckmedien geschafft hatte und von einer grossen Anzahl von Personen wahrgenommen wurde. Sie versauerte nicht einfach in einem Aktenschrank.“

Verfasst von David Clark


Chris Steele-Perkins' Ausrüstung

Die essentielle Ausrüstung zur Dokumentation globaler Ereignisse

Photographer Chris Steele-Perkins stands in a room at home beside some flowers.

Kamera

Canon EOS 5D Mark III

Eine Vollformat-DSLR mit 22,3 MP, 61-Punkt-AF und Reihenaufnahmen mit 6 Bildern/s. „Ich verwende die 5D Mark III, weil sie wie die alte F-1 unermüdlich ist und tut, was ich brauche. Man kann den ISO-Wert auf einen wirklich nützlichen Bereich festlegen, ohne Einbussen bei der Qualität“, sagt Steele-Perkins.

Objektiv-

Canon EF 24-105mm f/4L IS II USM

Dieses Objektiv bietet eine beeindruckende Bildqualität mit erweiterter Bildstabilisierung. Steele-Perkins sagt: „Das 24-105mm f/4 ist im gesamten Zoombereich scharf und ziemlich robust bei einer ordentlichen Stabilisierung. Es erfüllt alle meine Voraussetzungen.“

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