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Die zerstörten Strassen Syriens in Bildern von Jérôme Sessini

Amid the rubble of a war-torn street in southern Aleppo, sheets are strung between buildings.
Dieses Bild von Jérôme Sessini aus der Serie „The Streets of Aleppo“ (Die Strassen von Aleppo) zeigt die Realität des Alltags in Syrien – die Laken in dieser vom Krieg völlig zerstörten Strasse wurden nicht einfach zum Trocknen aufgehängt. „Die immer gleichen Bilder von verwundeten Kämpfern erregen längst keine Aufmerksamkeit mehr, also habe ich meinen Ansatz geändert“, erklärt Sessini. Aufgenommen mit einer Canon EOS 5D Mark II (mittlerweile ersetzt durch das Nachfolgemodell Canon EOS 5D Mark IV) mit einem Canon EF 24-70mm f/.2.8L II USM Objektiv bei 35 mm, Verschlusszeit 1/15 Sek., Blende 1:11 und ISO 100. © Jérôme Sessini/Magnum Photos

In einem Strassenzug in der syrischen Stadt Aleppo scheinen zwischen ausgebombten Gebäuden Wäscheleinen gespannt zu sein. Die daran aufgehängten Laken erscheinen fast unwirklich inmitten der Zerstörung, erfüllen aber eine lebenswichtige Funktion. „Sie ermöglichen es den Menschen, die Strasse zu überqueren, ohne von den Snipern gesehen zu werden“, erklärt Kriegsfotograf und Canon Botschafter Jérôme Sessini. „Da hängen Bettlaken, Vorhänge und Plastikplanen – einfach alles, hinter dem man sich verstecken kann.“ Inmitten des Kriegsgebiets muten sie seltsam heimisch an und erinnern den Betrachter an das Leben in Syrien vor der Zeit dieser Konflikte.

Das Bild erzählt wie so viele aus Sessinis Serie „The Streets of Aleppo“ (Die Strassen von Aleppo) eine unglaubliche Geschichte des Bürgerkriegs in Syrien, ganz ohne Menschen ins Bild zu bringen. Die Serie, die im Februar 2013 aufgenommen und später im selben Jahr beim „Visa pour l'Image“-Festival für Fotojournalismus ausgestellt wurde, unterscheidet sich grundlegend von den meisten anderen Aufnahmen des Kriegs in den Medien. Anstatt sich auf die Kämpfer zu konzentrieren, werden hier die Strassen selbst gezeigt.

Sessini ist das Erzählen von Geschichten anhand von Strassen nicht fremd. Von Drogenkriminalität in Mexiko bis hin zu den Euromaidan-Bürgerprotesten im Zentrum von Kiew hat der Magnum Fotograf bereits zahlreiche Konflikte in aller Welt dokumentiert. Hier erzählt er, wie er für die Aufnahmen der Strassen von Aleppo seinen Ansatz verändert hat.

Debris and dirty sheets line a devastated street on the Salah al-Din frontline.
Sessini musste Strassen meiden, in denen Kämpfe stattfanden – aber das Ausmass der Zerstörung war in Salah al-Din im südlichen Aleppo überall zu sehen. „Tagsüber war ich meistens in Begleitung eines jungen Kämpfers, der übersetzt hat“, erzählt Sessini. „Sein Englisch war recht rudimentär – aber einfache Wörter wie links, rechts, zurück und vorwärts waren alles, was wir brauchten.“ Aufgenommen mit einer Canon EOS 5D Mark II mit einem Canon EF 24-70mm f/2.8L II USM Objektiv bei 50 mm, Verschlusszeit 1/60 Sek., Blende 1:11 und ISO 100. © Jérôme Sessini/Magnum Photos

Weniger ist manchmal mehr

Die Idee für das Projekt kam Sessini nach seiner ersten Aleppo-Reise 2012. „Es haben schon so viele die Kämpfe oder Krankenhäuser fotografiert. Ich wollte etwas anderes machen“, erzählt er. „Das Publikum verliert leider leicht das Interesse an Aufnahmen von derartigen Konflikten. Anstatt also verwundete Kämpfer abzubilden, habe ich die Strassen fotografiert. Manchmal ist auch in der Fotografie weniger mehr. So bekommt der Zuschauer Raum für seine eigenen Gedanken und kann seiner Fantasie freien Lauf lassen.“

Diese Stadtlandschaften stellen geradezu Beweisfotos forensischer Natur dar, die das Ausmass der Zerstörung im westlichen Teil der Stadt enthüllen. Durch die Abbildung von Marktplätzen oder verriegelten Ladenfronten – Orten, die Städten in aller Welt gemein sind – bringt Sessini Betrachter dazu, darüber nachzudenken, wie es sich wohl anfühlen mag, die ihnen bekannten Städte in einer solchen Situation zu erleben. „Die meisten Menschen leben in Städten – das ist auf der ganzen Welt so“, meint er.

Während die zerbrochenen Steine und Mörtel symbolisch darstellen, welche Auswirkungen der Krieg auf die syrische Bevölkerung hatte, geben sie auch ein authentisches Bild davon, wie die Realität derzeit aussieht. „Wenn eine Stadt belagert wird, wird sie zur Geisterstadt“, erzählt Sessini. „Die Menschen gehen aufgrund der Gefahr von Snipern nicht mehr auf die Strasse.“

Auch die Kämpfer funktionieren Materialien wie die aufgehängten Laken um, die sie in den Häusern und Strassen vorfinden. Ein reich dekorierter Spiegel mit Holzrahmen beispielsweise wird als „Anti-Sniper-Spiegel“ genutzt. „Ein sehr einfacher, aber überaus wirksamer Trick, um zu sehen, ob hinter der nächsten Ecke jemand lauert“, erklärt Sessini.

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Strassenaufnahmen mit Stativ

Aus fotografischer Sicht stand diese Serie im kompletten Gegensatz zu Sessinis sonstiger Arbeitsweise. „Ich habe alle Aufnahmen mit Stativ gemacht, weil ich so viele Details wie möglich erfassen wollte“, sagt er. „Ich habe mit sehr kleiner Blende fotografiert, um eine möglichst grosse Feldtiefe zu erreichen. Dafür musste ich auch manchmal längere Belichtungszeiten in Kauf nehmen. Der Prozess war sehr statisch. Ich habe meinen Blickwinkel ausgewählt und konnte ihn danach nicht mehr ändern. Es war visueller.

„Bei Aufnahmen im Reportagestil bewegst du dich um dein Motiv herum, und es hängt auch viel vom Zufall ab. Mit dem Stativ hast du die vollständige Kontrolle über die Komposition.“

Sessini fotografierte die Serie mit einer Canon EOS 5D Mark II (mittlerweile ersetzt durch die Canon EOS 5D Mark IV) mit Funkauslöser, um Verwacklungen zu vermeiden. „Ich habe mit Blenden von 1:11 und 1:16 fotografiert. Ich musste die Verschlusszeit auf 1/15 Sek. und manchmal sogar weniger festlegen – da hätte man im Bild schon die kleinste Erschütterung bemerkt.“

A once-busy souk near Aleppo's Umayyad Mosque lies in ruins.
„Ich kenne ein paar Fotografen, die im westlichen Teil der Stadt gearbeitet haben und wo das Leben seinen normalen Gang ging, wo zum Beispiel Läden oder Restaurants noch offen hatten“, so Sessini. Im Gegensatz dazu steht diese Aufnahme des einst geschäftigen Souk in der Altstadt nahe der Umayyaden-Moschee in Aleppo. Aufgenommen mit einer Canon EOS 5D Mark II mit einem Canon EF24-70mm f/2.8L II USM Objektiv bei 40 mm, Verschlusszeit 1/30 Sek., Blende 1:2,8 und ISO 800. © Jérôme Sessini/Magnum Photos
An avalanche of dust engulfs shop fronts in al-Arkub, Aleppo.
„Ich habe versucht, Orte zu fotografieren, die es so oder so ähnlich in vielen Städten gibt, wie Märkte oder Hauptstrassen, allerdings ohne Menschen. Denn das ist nun mal die Realität in einer belagerten Stadt“, meint Sessini. Diese Aufnahme zeigt verriegelte Ladenfronten in al-Arkub (Aleppo) ganz in der Nähe der Front. Aufgenommen mit einer Canon EOS 5D Mark II mit einem Canon EF 24-70mm f/2.8L II USM Objektiv bei 52 mm, Verschlusszeit 1/125 Sek., Blende 1:2,8 und ISO 1000. © Jérôme Sessini/Magnum Photos
A window cleaner outside the 40th floor of the Torre Latino Americana in Mexico City, with the sprawling city below. Photograph by Jérôme Sessini.

Wiedersehen in Mexiko: auf den Spuren von Cartier-Bresson

Jérôme Sessini erläutert, warum er sich für die Canon EOS R entschied, um eine klassische Serie von Henri Cartier-Bresson im Rahmen des Projekts „Magnum Retold“ neu zu interpretieren.

Streifzug durch den innerstädtischen Konflikt

Die vier Wochen, die Sessini für sein Projekt in Aleppo verbrachte, kam er in einem Haus unter, das als eine Art Medienzentrum für Journalisten eingerichtet worden war. Strom zum Aufladen seiner Akkus und WLAN waren zwar vorhanden, doch das Wasser reichte nur für eine Dusche pro Woche. Es war ein bitterkalter Winter, und an Heizmaterial und Nahrungsmittel war oft nur schwer heranzukommen. „Ich spreche nur ein paar Brocken Arabisch. Das war ein Problem, denn es gab zu der Zeit nur sehr wenige Kontaktpersonen in Aleppo“, erzählt er. „Meine Kontaktperson arbeitete gleich mit mehreren Journalisten zusammen.“ Jeden Abend sprachen sie über die Orte, die Sessini fotografieren wollte, und seine Kontaktperson erkundigte sich, ob das möglich war.

„Ich habe darauf geachtet, den Kämpfern immer zuzuhören. Kämpfe innerhalb einer Stadt sind immer problematisch, weil sich die Kampfzonen so oft von einer Strasse zur nächsten verschieben. Innerhalb eines Tages können die Truppen des Regimes eine Strasse einnehmen, verlieren und dann wieder einnehmen. Es war daher unbedingt notwendig, über ihre Position auf dem Laufenden zu bleiben.“

Gegen 8 Uhr morgens fuhr seine Kontaktperson Sessini in den Stadtteil, in dem er an diesem Tag seine Aufnahmen machen würde. Nachdem er herausgefunden hatte, welche Strassen am sichersten waren, verliess ihn die Kontaktperson und holte ihn gewöhnlich am frühen Abend wieder ab. Manchmal musste Sessini allerdings auch ein Taxi nehmen – ein riskantes Unterfangen, wenn der Fahrer die aktuellen Truppenpositionen nicht kannte.

A burnt-out vehicle and broken household items litter a bombed-out Aleppo street.
„Ich habe die Kämpfer gefragt, welche Strassenecken sicher seien“, erzählt Sessini. „100 % sicher konnte man sich nie sein, aber sie haben mir gesagt ‚Du kannst 100 Meter in diese Richtung gehen und 50 Meter in diese, aber nicht weiter‘“. Aufgenommen mit einer Canon EOS 5D Mark II mit einem Canon EF 24-70mm f/2.8L II USM Objektiv bei 35 mm, Verschlusszeit 1/80 Sek., Blende 1:11 und ISO 100. © Jérôme Sessini/Magnum Photos

Eine robuste und dennoch unauffällige Ausrüstung

Schwierige Umgebungen können Geräte oft auf eine harte Probe stellen, daher war es Sessini wichtig, dass seine Kamera „robust“ war. Da er die Serie jedoch ausstellen wollte, sollte sie dabei allerdings Farben möglichst genau wiedergeben. „Die Canon EOS 5D Mark II gibt Farben sehr lebensecht wieder. Sie sind weich, nicht zu grell und nicht zu kontrastreich.“

Seine Ausrüstung enthielt zwei Objektive: Ein Canon EF 24-70mm f/2.8L II USM und ein Canon EF 50mm f/1.2L USM. Obwohl er von der Schärfe seines 50-mm-Objektivs mit Festbrennweite schwärmt, arbeitete er 90 % der Zeit mit Zoom, da er damit mehr Flexibilität bei den Aufnahmen hatte. „Ich wollte nicht Unmengen von Objektiven mit mir herumschleppen. Ich wollte mit leichtem Gepäck unterwegs sein, weil ich ja schon das Stativ hatte. Also nahm ich nur ein Objektiv mit – und ein zweites für alle Fälle.“

Die unauffällige Ausrüstung ermöglichte es Sessini, im Notfall seine Identität zu verbergen – so musste er beispielsweise einmal einen islamistischen Kontrollposten passieren, die zu der Zeit gerade überall in der Stadt eingerichtet wurden.

„Wenn sie mich mit der Kamera erwischt hätten, hätte das zum Problem werden können – aber sie haben nicht bemerkt, dass ich Fotograf bin“, erinnert er sich. „Das war in meiner letzten Woche. Meine Kontaktperson sagte zu mir: ‚Ich glaube, für dich und alle Journalisten wird es jetzt Zeit zu verschwinden. Vor denen können wir euch nicht schützen'“. Er verliess Syrien über die türkische Grenze, auf dem Weg, den er auch für die Einreise genommen hatte. Nur wenige Monate später wurde eine Gruppe Fotojournalisten, die über die gleiche Route nach Aleppo reisen wollten, von Kämpfern entführt. Jahre später erinnern uns Sessinis Fotos daran, was die Menschen in Syrien in den zerstörten Strassen Aleppos immer noch jeden Tag erleiden.

Verfasst von Rachel Segal Hamilton


Jérôme Sessinis Ausrüstung

Die Ausrüstung, die Profis für Strassenfotografie verwenden

Close-up of a Canon EOS 5D Mark IV.

Kamera

Canon EOS 5D Mark IV

Speziell für beste Leistung in jeder Situation konzipiert, ist die EOS 5D Mark IV eine erstklassig konstruierte Allround-Kamera, die in jeder Hinsicht überzeugt. „Die Farben sind sehr lebensecht. Sie sind weich, nicht zu grell und nicht zu kontrastreich“, so Sessini.

Objektive

Canon EF 50mm f/1.2L USM

Mit der unglaublichen maximalen Blende von 1:1,2 ist dieses superschnelle Objektiv die perfekte Wahl bei wenig Licht und ermöglicht die feine Steuerung von Fokus und Schärfentiefe.

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